Badwill – Eine unterschätzte Größe in der deutschen Bilanzierungspraxis

TOP-Thema im März 2016:

Ein Beitrag von Prof. Dr. Henning Zülch und Josefine Böhm, M.Sc., beide HHL Leipzig Graduate School of Management, Leipzig

1. Motivation

„Badwill“, als Gegenteil zum üblich bekannten und weit erforschten „Goodwill“, bezeichnet den negativen Unterschiedsbetrag, der entsteht, wenn ein Käufer die Kontrolle über ein Unternehmen zu einem Kaufpreis unter dem zu Marktpreisen angesetzten Nettovermögen erlangt. Diese im Englischen auch als „Lucky Buy“ oder vom International Accounting Standards Board, dem IASB, als „Bargain Purchase“ bezeichnete Situation sollte unter Annahme effizienter Märkte und Kaufpreisverhandlungen nur in absoluten Ausnahmefällen auftreten. Und so argumentiert auch das IASB, dass Unternehmenserwerbe zu Preisen unter Marktwert als anomale Transkationen anzusehen sind, da Verkäufer sich grundsätzlich nicht wissentlich und willentlich bereit erklären, ihre Unternehmen unter Wert zu verkaufen (vgl. IFRS 3.BC371 [2008]).

Trotz dieser auf Seltenheit plädierenden Logik kommt dem Phänomen Badwill sowohl in der Standardentwicklung als auch im Enforcement große Beachtung zu. Darüber hinaus scheinen, nach Aussagen erster Studien und den während des Post-implementation Review (PiR) zu IFRS 3 eingereichten Kommentierungen, negative Unterschiedsbeträge nicht nur ein theoretisches Konstrukt darzustellen, sondern auch in der Praxis weitaus häufiger vorzukommen als vom IASB angenommen (vgl. IFRS 3.BC147 [2004]). Neben diesen ersten Hinweisen, stellen Badwills aber einen momentan noch sehr wenig erforschten Bereich dar (vgl. Boennen/Glaum [2014]). Diesem Bedarf nach weiterer Forschung sind wir u. a. mit unserem kürzlich veröffentlichten Arbeitspapier „Frequency of and Reasons for Bargain Purchases – Evidence from Germany“ nachgekommen. Konkret wird in diesem Arbeitspapier ausführlich auf die nach IFRS 3 anwendbare Bilanzierung eingegangen, die daraus folgenden Entstehungsgründe werden beurteilt und die Häufigkeit sowie Wesentlichkeit von negativen Goodwill Transaktionen werden am Beispiel des deutschen Kapitalmarkts analysiert (vgl. Boehm/Teuteberg/Zülch [2016]).

2. Ergebnisse

Mit dem Ziel, einen möglichst breiten Querschnitt von am deutschen Kapitalmarkt gelisteten Unternehmen zu untersuchen, basiert die dem oben angeführten Arbeitspapier zugrundeliegende Unternehmensstichprobe auf der jährlichen Indexzusammensetzung des HDAX und SDAX im Zeitraum von 2005 bis 2013. Von den damit 1,440 untersuchten Firmenjahren konnte bei 61 Beobachtungen ein aus mindestens einer Transaktion entstandener negativer Unterschiedsbetrag festgestellt werden, was heißt, dass durchschnittlich 4.2% aller HDAX und SDAX Indexwerte in den Jahren 2005-2013 einen Badwill verbuchten. Allein dass über 4% der größten, gelisteten Unternehmen Deutschlands seit Einführung von IFRS 3 mit dem Phänomen Badwill konfrontiert wurden, zeigt, dass die Bilanzierung von negativem Goodwill nicht nur ein theoretisches Konstrukt darstellt, sondern sich auch in der Praxis niederschlägt. Dieses Ergebnis bestätigen auch die Erkenntnisse der European Securities and Markets Authority (ESMA [2014]) und die zahlreichen Aussagen in den während des Post-implementation Review zu IFRS 3 erhaltenen Kommentierungen, dass Badwills weitaus häufiger vorkommen als vom IASB angenommen (vgl. IASB [2014]).

Überdies zeigt obige Erhebung, dass Badwills, die seit der Einführung von IFRS 3 am Tag der Übernahme vollständig ergebniswirksam durch den Erwerber zu verbuchen sind, einen wesentlichen Ergebnisbeitrag leisten können. So konnte ermittelt werden, dass sich für unsere Unternehmensstichprobe ein durchschnittlicher Gewinn je Badwill Transaktion von absolut 28.85 Mio. EUR (Median: 3.94 Mio. EUR) und ein Gewinn relativ zum operativen Ergebnis des Erwerbers von 16% (Median: 4%) einstellte. Auch wenn diese Ergebnisse getrieben sind von einigen Ausnahmetransaktionen, so wird doch verdeutlicht, wie wesentlich Badwills zu Buche schlagen können und dabei für fast alle untersuchten Transaktionen in das operative Ergebnis des Erwerbers erfolgserhöhend einfließen sowie die aktuelle Performance des erwerbenden Unternehmens erhöhen.

3. Fazit

Mit obigen Ausführungen wurde dargestellt, dass Badwills keinesfalls nur ein theoretisches Konstrukt darstellen, sondern sich weitaus häufiger und mit zum Teil wesentlichen Ergebnisbeiträgen für den Erwerber in der Praxis niederschlagen. Ist der Badwill damit eine unterschätzte Größe? Ja, gerade aus Rechnungslegungssicht – entgegen der Meinung des IASB mit seiner Beschreibung von negativen Unterschiedsbeträgen als anomale Transaktionen mit Seltenheitscharakter – scheinen Badwills den oben dargelegten Ergebnissen folgend ein durchaus unterschätztes Phänomen zu sein.

SCHRIFTTUM

Boehm, J./Teuteberg, T./Zülch, H. (2016): Frequency of and Reasons for Bargain Purchases – Evidence from Germany, in: Corporate Ownership & Control 13 (2), S. 313-328.

Boennen, S./Glaum, M. (2014): Goodwill Accounting: A Review of the Literature, Available at: http://ssrn.com/abstract=2462516 (last retrieved: March 23, 2016).

European Securities and Markets Authority (ESMA) (2014): Review on the application of accounting requirements for business combinations in IFRS financial statements, Available at: http://www.esma.europa.eu/system/files/2014-643_esma_report_on_the_ifrs_3.pdf (last retrieved: March 23, 2016).

International Accounting Standards Board (IASB) (2014): Post-implementation Review of IFRS 3 Business Combinations – Comment Letters, Available at: http://www.ifrs.org/Current-Projects/IASB-Projects/PIR/PIR-IFRS-3/Request-for-Information-January-2014/Pages/Submissions.aspx (last retrieved: March 23, 2016).

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